Ein Plan ist keine Sammlung von Übungen. Drei Sachen für die Hüfte, zwei für den Rücken, fertig ist der Zettel: Das ist eine Übungsliste, kein Plan. Ein Plan ist eine begründete Kette vom heutigen Stand bis zum Ziel, an der man ablesen kann, was als Nächstes dran ist und woran man merkt, dass es wirkt. Genau an dem Punkt, an dem Befund und Ziel feststehen, wird aus einer Idee eine Behandlung. Oder eben nicht.
Dieser Artikel geht die Kette in drei Schritten durch. Erst die Denkrichtung: vom Ziel rückwärts, nicht vom Katalog vorwärts. Dann der Bau: wie aus dem Ziel eine Leiter mit begründeten Sprossen wird, und wann man eine Sprosse höher darf. Zuletzt die Feinsteuerung: wie man die Last auf einer Sprosse einstellt und nach jeder Einheit nachjustiert. Zielgruppe sind Kolleg:innen, wir bleiben also fachlich. Ganz am Ende steht trotzdem in einer eigenen Box, was Patient:innen daraus mitnehmen, denn genau daran erkennt man am Ende gute Therapie.
Wer die Entscheidung davor sucht, passiv oder aktiv starten und welcher Weg zum Menschen passt, findet sie im Schwester-Artikel Therapie steuern: passiv oder aktiv starten und wie richtig dosieren. Dort steht das Was für ein Ansatz, hier das Wie baue ich daraus einen konkreten Plan.
Vom Ziel rückwärts, nicht vom Katalog vorwärts
Jeder Plan beginnt mit zwei Fragen. Erstens: Wohin? Das Ziel, die konkrete Anforderung. Zweitens: Was bremst? Der limitierende Faktor, der Treiber. Das Ziel gibt die Richtung, der Treiber gibt die Art der Leiter, die wir bauen.
Das dahinterliegende Prinzip ist Reverse Engineering. Gewebe und Systeme passen sich spezifisch an die Anforderung an, die regelmäßig auf sie einwirkt. Also definieren wir zuerst die Zielanforderung, so konkret wie möglich, und planen von dort rückwärts zu den Zwischenschritten. Die Übung fällt uns dabei nicht als Erstes ein, sondern als Letztes: Sie ist das Ergebnis, nicht der Ausgangspunkt.
Ein Fall, der uns durch den ganzen Artikel begleitet. Eine Patientin, Ende sechzig, nach einem Sturz mit langer Entlastung. Ihr Ziel: wieder in den dritten Stock, mit dem Wocheneinkauf. Heute schafft sie vier Stufen am Geländer, ohne Last. Von diesem Ziel aus bauen wir jetzt rückwärts.
Das Ziel muss konkret sein, sonst gibt es keine Leiter
„Wieder fit werden“ ist kein Ziel, sondern ein Wunsch. Ein Ziel klingt so: drei Etagen mit dem Einkauf. Zurück aufs Volleyballfeld. Acht Stunden Schichtdienst auf den Beinen. Ein präzises Ziel lässt sich in Anforderungen zerlegen, ein vages nicht. Und ohne diese Zerlegung gibt es keine Leiter, sondern nur Bauchgefühl.
„Dritter Stock mit Einkauf“ heißt zerlegt: Beinkraft für rund fünfzig Stufen. Tragen von einigen Kilo. Sichere Schritte, auch bei Müdigkeit. Ausdauer für den ganzen Weg. Erst diese Zerlegung macht ein Ziel planbar, weil sie zeigt, was die Aufgabe wirklich verlangt und nicht, was wir üblicherweise anbieten.
Der Treiber liegt auf einem Spektrum
Zwischen Ist-Zustand und Ziel steht ein limitierender Faktor, und der ist selten nur Kraft. Treiber liegen auf einem Spektrum. Am einen Ende das Mechanische: Belastbarkeit, Beweglichkeit, Ansteuerung, also die Struktur. Am anderen Ende das Nicht-Mechanische: Kognition, Emotionen, Lebensumstände, Soziales, also Verhalten und Kontext. Meist ist beides vorhanden. Der dominante Treiber gibt den Fokus.

Aus dem dominanten Treiber folgt die Art der Leiter. Ist die Struktur der Engpass, stufen wir die Last. Dazu zählt auch fehlende Kraft nach langer Inaktivität, wie bei unserer Patientin. Last heißt dabei nicht nur Gewicht, sondern auch Hebel, Komplexität und Tempo, je nach Ziel. Und es kommt aufs Gewebe an: eine Sehne braucht hohe Last über Zeit, ein Knochen eher schnelle Spitzenlast, Muskel und Knorpel wieder anders. Die Heilungsphase des betroffenen Gewebes gibt das Tempo vor, nicht der Kalender.
Liegt der Engpass dagegen in Angst, Vermeidung oder belastenden Überzeugungen, stufen wir nicht die Struktur, sondern die Exposition. Dann wird die gefürchtete Aktivität schrittweise herangeführt, von gut tolerierbar zu herausfordernd. Ziel ist Vertrauen in Belastung und Bewegung, nicht mehr Last.
So sauber wie in der Theorie ist es nie. Ein geschädigtes Gewebe geht oft mit Angst vor Belastung einher, und der Ängstliche baut zusätzlich ab. Die eigentliche Kunst ist, den dominanten Treiber zu erkennen, ohne den anderen zu übersehen. Die Leitfrage lautet: Was verursacht was? Manchmal hält die Angst die Belastung so klein, dass das Gewebe abbaut. Manchmal ist es umgekehrt, die Bewegung tut unter Last wirklich weh, und die Angst legt sich von selbst, sobald die Struktur wieder trägt. Wir packen zuerst den Treiber an, der die anderen mit antreibt.
Wo der Ansatz nicht greift
Kein Verfahren trägt jeden Fall, und Ehrlichkeit darüber gehört dazu. Drei strukturelle Grenzen: Erstens, wenn noch kein klares Ziel existiert, etwa in einer akuten Lebenskrise, dann ist die Zielfindung selbst die Arbeit. Zweitens, wenn es nur um Erhalt geht, etwa bei fortschreitenden Erkrankungen. Drittens, wenn erst medizinisch abgeklärt werden muss, etwa bei nächtlichem Ruheschmerz oder neurologischen Ausfällen.
Eine vierte Grenze wiegt schwerer als die anderen: Ohne Mitwirkung trägt kein Plan. Fehlende Umsetzbarkeit im Alltag, fehlende Motivation, das kippt jede noch so saubere Leiter. Deshalb gehört die Frage, ob der Plan ins Leben der Person passt, von Anfang an dazu und nicht ans Ende. Die Präferenzen der Patient:innen sind kein Störfaktor, sie sind die Bedingung dafür, dass überhaupt geübt wird.
Die Leiter bauen: vom Ziel zerlegt zu begründeten Sprossen
Der Treiber sagt uns, woran wir bauen. Jetzt bauen wir, und zwar vom Ziel aus. Gegen jede zerlegte Anforderung legen wir den heutigen Stand: heute vier Stufen am Geländer, ohne Last. So entsteht die Lücke, und zwar pro Anforderung. Die Beinkraft fehlt deutlich, die Ausdauer kaum. Nicht alles ist gleich weit vom Ziel entfernt.
Gebaut wird dort, wo hoher Zielbedarf auf eingeschränkte Kapazität trifft, an der Engstelle. Alles andere läuft parallel normal weiter. Ein betroffenes Bein ist kein Grund, den Rest des Körpers zu schonen.

Zwischen Start und Ziel liegen die Sprossen: Zwischenschritte, die sich der Zielanforderung annähern. Von Schritt zu Schritt steigen Last, Komplexität und Anstrengung. Mal ist es dieselbe Übung, schwerer gemacht, mal die nächste. Beliebig ist keine davon. Jeder Schritt lässt sich vom Ziel her begründen.
Und die Anforderung wählt die Übung, nicht der Katalog. Wer Treppen steigen will, braucht Beinkraft in genau diesem Muster, also beinbetonte Kraftarbeit und irgendwann die Treppe selbst. Man wird vor allem in dem besser, was man übt. Welche Übung es am Ende wird, bleibt trotzdem auch Präferenzsache: Verschiedene Übungen führen zum selben Ziel, solange die Wahl begründet ist und dem Ziel dient. Bei unserer Patientin heißt das etwa: von der Kniebeuge zur Bank über die freie Kniebeuge und die Beinpresse bis zum Treppensteigen mit Last, jede Sprosse ein Stück näher an den Alltag.
Manchmal ist eine Anforderung noch gar nicht möglich, weil eine Ressource fehlt, etwa eine zu schwache Muskelgruppe. Dann bauen wir diese zuerst isoliert auf, bevor die Komplexübung wieder Sinn ergibt. Sitzt der Quadrizeps zu schwach für eine saubere Kniebeuge, hat die isolierte Kniestreckung ihren Platz. Auch das ist Zerlegen, nur eine Ebene tiefer.
Steigern ist verdient, nicht terminiert
Jetzt steht die Leiter, aber eine Frage fehlt, und an ihr entscheidet sich der ganze Plan: Woran erkennt man, dass die nächste Sprosse dran ist? Im Alltag wird sie am häufigsten mit einem Datum beantwortet. „Ab Woche sechs joggen“ klingt nach Plan, ist aber Kalender. Der Kalender weiß nichts über Gewebe, Kraft oder Vertrauen. Die nächste Sprosse kommt, wenn die aktuelle sie hergibt. Auch der internationale Konsens zur Rückkehr in den Sport beschreibt Rückkehr genau so, als Kontinuum, nicht als Termin.
Praktisch heißt das: Vor jeder Sprosse stehen Kriterien. Zum Beispiel Kraft im Seitenvergleich über einer Schwelle, saubere Ausführung auf der aktuellen Sprosse, eine ruhige Reaktion bis zum Folgetag, ein bestandener Alltagstest. Erst wenn jeder Haken gesetzt ist, geht es eine Sprosse höher.
Ein Zwischenziel erreicht zu haben heißt noch nicht, den Checkpoint bestanden zu haben. Das eine sagt, wo man ist. Das andere, ob das Erreichte trägt.
Was Kriterien bringen, und was nicht
Der Aufwand lohnt sich, das zeigen die Zahlen aus der am besten untersuchten Domäne, der Rückkehr in den Sport nach Kreuzband-OP. In der Delaware-Oslo-Kohorte lag die Wiederverletzungsrate bei erfüllten Entlasskriterien bei 5,6 Prozent, bei nicht erfüllten bei 38,2 Prozent. Eine zweite Kohorte fand ein rund vierfach erhöhtes Rupturrisiko, wenn nicht alle sechs Kriterien erfüllt waren. Das ist kein Beweis, aber ein deutliches Muster.

Und trotzdem, ehrlich bleiben: Fasst man alle Studien in einer Metaanalyse zusammen, ist der Schutzeffekt bisher nicht sauber belegt. Die Datenlage ist dünn und stammt fast komplett aus der Kreuzbandforschung. Für andere Fälle bleibt es eine begründete Übertragung, mehr nicht. Bestandene Kriterien zeigen Kapazität. Einen Freibrief geben sie nicht.
Dazu ein häufiger Denkfehler: Der Seitenvergleich täuscht. Er ist das beliebteste Kriterium, aber die „gesunde“ Seite baut in der Reha mit ab. Ein relevanter Teil der Patient:innen besteht den Seitenvergleich und liegt trotzdem unter dem eigenen Niveau von vor der Verletzung. Wo es geht, zusätzlich gegen alte Werte oder Normwerte prüfen, nicht nur gegen die Gegenseite.
Die Biologie setzt die Untergrenze
Kriterien ersetzen den Kalender, aber nicht die Heilung. Bindegewebe baut sich über Monate um, nicht über Wochen. Nach Kreuzband-OP sank das Wiederverletzungsrisiko mit jedem Monat späterer Rückkehr deutlich, bis etwa in den neunten Monat hinein. Wer vor Monat neun zurückging, hatte in einer Kohorte eine rund siebenfach höhere Rate an neuen Verletzungen, und gute Kraftwerte schützten dort nicht.
Symptomfrei heißt nicht belastbar. Zeit ist kein Kriterium für sich, aber eine Untergrenze, die man nicht unterbieten sollte.
Die Leiter geht deshalb auch rückwärts. Reagiert die Struktur schlechter statt besser, hält die Reizung an, stagniert der Fortschritt über Wochen: eine Sprosse zurück. Das ist kein gescheiterter Plan. Das ist die Steuerung, für die die Leiter überhaupt gebaut wurde. Ein Plan ist eine Hypothese. Er behauptet nicht, den Verlauf zu kennen, er macht pro Sprosse eine Annahme und prüft sie an der Reaktion. Präzise im Denken, flexibel im Verlauf.
Die Regler: eine Sprosse sauber dosieren
Zwischen zwei Sprossen liegt selten ein Übungstausch, meistens nur eine andere Einstellung. Das ist die Mikroebene: eine einzige Sprosse, sauber dosiert. Und genau hier entscheidet sich Reha, im Einstellen und Steigern über die Zeit, weniger in der Auswahl selbst. Eine Übungsstufe ist nicht abgehakt, weil die Übung im Plan stand. Sie ist abgehakt, wenn man in ihr stärker geworden ist.
Eine Übung ist selten einfach passend oder unpassend. Zwischen zu leicht und zu schwer liegt eine ganze Reihe von Reglern: Last, Intensität, Wiederholungen, Frequenz, Hebel, Bewegungsumfang, Tempo, Abstützung. Jeder verschiebt die Schwierigkeit, ohne dass die Übung wechselt. Dieselbe Kniebeuge deckt so ein Spektrum vom ersten Reha-Tag bis zur vollen Belastung ab. Wer die Regler kennt, braucht selten eine neue Übung, meist nur eine andere Einstellung.
Nicht jeder Regler wiegt gleich. Die meisten sind Feintuning: Hebel, Abstützung, ob Maschine oder frei. Über den Fortschritt entscheiden Last, Volumen und wie nah man ans Muskelversagen geht. Erst wenn diese Dosis stimmt, lohnt der Blick auf den Rest.
Das entschärft auch die überschätzten Debatten. Offene oder geschlossene Kette, Maschine oder frei, ein- oder mehrgelenkig: Für globale Kraft und Funktion entwickelt sich alles vergleichbar. Was diese Regler durchaus verschieben, ist die Last auf einzelne Strukturen, und das zählt bei gereiztem Gewebe. Fürs große Ergebnis aber ist der Streit meist größer als der Unterschied.
Und die Spezifität ist so eng wie das Ziel. Bei dekonditionierten Patient:innen hilft fast jeder vernünftige Trainingsreiz, das Ziel ist breit, da ist Krafttraining schon spezifisch genug. Je konkreter das Ziel wird, desto mehr muss die Übung zum geforderten Muster passen. Auch das aber kein Dogma: Ist der Quadrizeps der Engpass oder sitzt die Kniebeuge technisch noch nicht, kann die isolierte Kniestreckung genau richtig sein.
Woran man den Regler stellt: die Tagesform statt der Prozenttabelle
Bleibt die eigentliche Frage: Wie hoch dreht man auf? Eine Prozenttabelle vom Testtag kennt den heutigen Zustand nicht. Tagesform schwankt mit Schlaf, Stress und Vorbelastung, und ein fixer Prozentwert vom Einmalmaximum bildet das nicht ab. Verlässlicher ist, was der Mensch in dieser Einheit gerade leisten kann.
Praktikabel dafür ist die Frage, wie viele Wiederholungen am Ende noch möglich gewesen wären. Diese Wiederholungsreserve, kurz RIR für „reps in reserve“, richtet die Last an der heutigen Tagesform aus. Ein einfaches Werkzeug für den Alltag: erst die Wiederholungen im Zielbereich hocharbeiten, dann die Last anheben und wieder unten anfangen. So bewegt man immer nur einen Regler und sieht sauber, was wirkt.
Auch die RIR ist kein perfektes Maß. Bei Ungeübten und bei leichter Last wird die Reserve regelmäßig überschätzt, der Tank ist voller als gedacht. Dann helfen härtere Anker: die Last selbst oder die Zahl der Sätze bis zur vereinbarten Grenze. Kein Werkzeug ersetzt den Blick auf den Menschen, es strukturiert ihn nur.
Gesteuert wird im Kreis
Der wichtigste Teil kommt nach der Einheit. Eine Dosis ist eine Annahme, kein Ergebnis. Ob sie gestimmt hat, zeigt nicht der Plan, sondern die Reaktion in den Stunden und Tagen danach.

Gesteuert wird also im Kreis: Reiz, Reaktion, Anpassung, und von vorn. Man setzt eine Belastung, liest die Antwort ab und zieht den Regler nach. Eine Therapie läuft selten auf einer geraden Linie, die einmal geplant und dann abgearbeitet wird. Sie läuft in Schleifen, und jede Schleife korrigiert die nächste.
Woran man die Antwort abliest, richtet sich am Treiber aus. Fehlt Kapazität, misst man an Kraft und Belastbarkeit. Ist das Gewebe gereizt, zählt, wie schnell die Reaktion abklingt, hier trägt die 24-Stunden-Regel: Schmerz bis zur vereinbarten Grenze ist okay, solange er bis zum Folgetag abklingt und Schwellung und Funktion sich nicht verschlechtern. Steht die Funktion im Weg, entscheidet der Alltagstest. Ein Maß für alles gibt es nicht.
Aus der Antwort folgt die nächste Dosis. Hält die Irritation an, geht der Regler runter. Läuft alles ruhig und die Reserve stimmt, geht er hoch. Dieselbe Zahl stur jede Woche zu wiederholen ist keine Steuerung. Der Regler folgt der Reaktion, nicht dem Kalender.
Das heißt nicht, dass jede Einheit einen sichtbaren Sprung braucht. Manche Einheit hält nur das Niveau, und das ist in Ordnung. Ob es besser wird, entscheidet der Verlauf über Wochen, den man mitschreibt. Ohne einen Startwert am Anfang ist „besser“ nur ein Bauchgefühl.
Ein zweiter Fall, dieselbe Methode
Damit die Methode nicht wie ein Sonderfall für Treppen wirkt: ein zweiter Mensch, ein ganz anderes Ziel. Ein Läufer nach Achillessehnenreizung, will zurück auf zehn Kilometer. Andere Anforderungen: Sehnenbelastbarkeit, Laufvolumen, Tempo. Andere Sprossen, andere Checkpoints, hier zusätzlich die 24-Stunden-Reaktion der Sehne als zentrale Steuergröße. Aber das Vorgehen ist identisch: Ziel zerlegen, Lücke pro Anforderung bestimmen, Übung aus der Anforderung ableiten, jede Sprosse über Kriterien verdienen, nach der Einheit bewerten.
Die Methode trägt von der Treppe bis zum Wettkampf. Was sich ändert, sind die Anforderungen und die Maße, nicht das Vorgehen.
Jede Einheit ist eine Hypothese: Man stellt eine Dosis ein, im besten Wissen über den heutigen Tag, und prüft an der Reaktion, ob sie stimmte. Präzise im Einstellen, gelassen bei der Auswahl. Ein Plan, den niemand nachsteuert, bleibt eine Vermutung. Erst die Reaktion macht daraus Therapie.
Für Patient:innen: Woran Sie einen guten Plan erkennen
Dieser Teil richtet sich ausnahmsweise direkt an Sie als Patient:in. Drei Dinge, an denen Sie ablesen können, ob hinter Ihren Übungen ein Plan steht oder nur eine Liste.
- Ein guter Plan hat ein konkretes Ziel und einen roten Faden dorthin. Wenn Sie nicht sagen können, worauf Ihre Übungen hinauslaufen, fragen Sie nach: Wohin führt das, und woran merken wir, dass wir näher kommen?
- Steigern nach Kalender ist bequem, aber selten richtig. Die nächste Stufe kommt, wenn die aktuelle sitzt, nicht weil eine bestimmte Woche erreicht ist. Ein bisschen Schmerz beim Üben ist oft in Ordnung, solange er am nächsten Morgen wieder abgeklungen ist. Ein Rückschlag am Folgetag ist ein Signal, nicht Ihr Versagen.
- Die perfekte Übung gibt es nicht, die passende Dosis schon. Wichtiger als Gerät oder Winkel ist, wie schwer Sie arbeiten und ob nach der Einheit ehrlich hingeschaut wird, was sie ausgelöst hat. Sagen Sie offen, was im Alltag realistisch ist, dann bauen wir den Plan darum.
Unsere Position
- Ein Plan wird vom Ziel rückwärts gebaut, nicht aus dem Übungskatalog vorwärts. Erst die Zielanforderung zerlegen, dann die Lücke pro Anforderung bestimmen, dann die Übung ableiten.
- Progression wird verdient, nicht terminiert. Kriterien zeigen Kapazität, der Kalender weiß nichts über Gewebe. Das letzte Wort behält trotzdem die Biologie.
- Die Modalität ist Feintuning, die Dosis aus Last und Volumen entscheidet. Eingestellt wird an der Tagesform über die Wiederholungsreserve, nicht an einer Prozenttabelle.
- Steuern heißt, aus jeder Reaktion die nächste Entscheidung abzuleiten. Genau das ist der Unterschied zwischen Übungen verteilen und Therapie machen.
Häufige Fragen
Was heißt Reverse Engineering in der Therapieplanung?
Man definiert zuerst das konkrete Ziel, zerlegt es in seine Anforderungen und plant von dort rückwärts zum heutigen Stand. Die Übung ist dann keine Auswahl aus dem Katalog, sondern eine Ableitung aus der Anforderung.
Warum nicht einfach nach einem festen Zeitplan steigern?
Weil der Kalender nichts über Gewebe, Kraft oder Vertrauen weiß. Bindegewebe braucht Monate, nicht Wochen. Kriterien vor jeder Stufe sind der bessere Steuermechanismus, die Zeit bleibt nur die Untergrenze, die man nicht unterbieten sollte.
Was ist die Wiederholungsreserve (RIR) und warum nicht Prozent vom 1RM?
Die Wiederholungsreserve schätzt, wie viele Wiederholungen am Satzende noch möglich gewesen wären. Sie richtet die Last an der heutigen Tagesform aus, die ein fixer Prozentwert vom Einmalmaximum nicht abbildet. Bei Ungeübten und leichter Last wird sie überschätzt, dann braucht es härtere Anker.
Woran messe ich, ob die Dosis gestimmt hat?
An dem, was gerade limitiert. Bei fehlender Kapazität an Kraft und Belastbarkeit, bei gereiztem Gewebe an der Reaktion über 24 Stunden, bei eingeschränkter Funktion am Alltagstest. Wichtig ist ein Startwert am Anfang, sonst ist „besser“ nur ein Bauchgefühl.
Quellen
Alle Quellen über PubMed verifiziert. Konsolidiert aus der dreiteiligen Carousel-Reihe „Therapie-Steuerung“, Dubletten zusammengeführt.
Ziel, Treiber und spezifische Adaptation
- Kassiano W, et al. Comparison of muscle hypertrophy and strength adaptations induced by back squat and leg extension resistance exercises. J Strength Cond Res. 2026;40(4):367-376. DOI: 10.1519/JSC.0000000000005338.
- Bohm S, Mersmann F, Arampatzis A. Human tendon adaptation in response to mechanical loading: a systematic review and meta-analysis. Sports Med Open. 2015;1(1):7. DOI: 10.1186/s40798-015-0009-9.
- Kjaer M, et al. Exercise and regulation of bone and collagen tissue biology. Prog Mol Biol Transl Sci. 2015;135:259-291. DOI: 10.1016/bs.pmbts.2015.07.008.
- Vlaeyen JWS, Linton SJ. Fear-avoidance and its consequences in chronic musculoskeletal pain: a state of the art. Pain. 2000;85(3):317-332. DOI: 10.1016/S0304-3959(99)00242-000242-0).
- Kent P, et al. Cognitive functional therapy with or without movement sensor biofeedback versus usual care for chronic, disabling low back pain (RESTORE): RCT. Lancet. 2023;401(10391):1866-1877. DOI: 10.1016/S0140-6736(23)00441-500441-5).
Belastbarkeit, Gewebe und Belastungssteuerung
- Cook JL, Purdam CR. Is tendon pathology a continuum? A pathology model to explain the clinical presentation of load-induced tendinopathy. Br J Sports Med. 2009;43(6):409-416. DOI: 10.1136/bjsm.2008.051193.
- Kongsgaard M, et al. Corticosteroid injections, eccentric decline squat training and heavy slow resistance training in patellar tendinopathy. Scand J Med Sci Sports. 2009;19(6):790-802. DOI: 10.1111/j.1600-0838.2009.00949.x.
- Silbernagel KG, et al. Continued sports activity, using a pain-monitoring model, during rehabilitation in Achilles tendinopathy: a randomized controlled study. Am J Sports Med. 2007;35(6):897-906. DOI: 10.1177/0363546506298279.
- Geneen LJ, et al. Physical activity and exercise for chronic pain in adults: an overview of Cochrane Reviews. Cochrane Database Syst Rev. 2017;4(4):CD011279. DOI: 10.1002/14651858.CD011279.pub3.
Kriterien statt Kalender, Return to Sport
- Ardern CL, et al. 2016 Consensus statement on return to sport from the First World Congress in Sports Physical Therapy, Bern. Br J Sports Med. 2016;50(14):853-864. DOI: 10.1136/bjsports-2016-096278.
- Grindem H, et al. Simple decision rules can reduce reinjury risk by 84% after ACL reconstruction: the Delaware-Oslo ACL cohort study. Br J Sports Med. 2016;50(13):804-808. DOI: 10.1136/bjsports-2016-096031.
- Kyritsis P, et al. Likelihood of ACL graft rupture: not meeting six clinical discharge criteria before return to sport is associated with a four times greater risk of rupture. Br J Sports Med. 2016;50(15):946-951. DOI: 10.1136/bjsports-2015-095908.
- Losciale JM, et al. The association between passing return-to-sport criteria and second ACL injury risk: a systematic review with meta-analysis. J Orthop Sports Phys Ther. 2019;49(2):43-54. DOI: 10.2519/jospt.2019.8190.
- Wellsandt E, Failla MJ, Snyder-Mackler L. Limb symmetry indexes can overestimate knee function after ACL injury. J Orthop Sports Phys Ther. 2017;47(5):334-338. DOI: 10.2519/jospt.2017.7285.
- Beischer S, et al. Young athletes who return to sport before 9 months after ACL reconstruction have a rate of new injury 7 times that of those who delay return. J Orthop Sports Phys Ther. 2020;50(2):83-90. DOI: 10.2519/jospt.2020.9071.
- Webster KE, Hewett TE. Is there value and validity for the use of return to sport test batteries after ACL injury and reconstruction? Arthroscopy. 2020;36(6):1500-1501. DOI: 10.1016/j.arthro.2020.03.025.
Übungswahl, Dosis und Autoregulation
- Perriman A, Leahy E, Semciw AI. The effect of open- versus closed-kinetic-chain exercises on anterior tibial laxity, strength, and function following ACL reconstruction: a systematic review and meta-analysis. J Orthop Sports Phys Ther. 2018;48(7):552-566. DOI: 10.2519/jospt.2018.7656.
- Fontanier V, et al. Effect of open kinetic chain exercises during the first weeks of ACL reconstruction rehabilitation: a systematic review and meta-analysis. Phys Ther Sport. 2025;72:95-108. DOI: 10.1016/j.ptsp.2025.02.005.
- Haugen ME, et al. Effect of free-weight vs. machine-based strength training on maximal strength, hypertrophy and jump performance: a systematic review and meta-analysis. BMC Sports Sci Med Rehabil. 2023;15(1):103. DOI: 10.1186/s13102-023-00713-4.
- Pelland JC, et al. The resistance training dose response: meta-regressions exploring the effects of weekly volume and frequency on muscle hypertrophy and strength gains. Sports Med. 2026;56(2):481-505. DOI: 10.1007/s40279-025-02344-w.
- Schoenfeld BJ, Ogborn D, Krieger JW. Dose-response relationship between weekly resistance training volume and increases in muscle mass: a systematic review and meta-analysis. J Sports Sci. 2017;35(11):1073-1082. DOI: 10.1080/02640414.2016.1210197.
- Zourdos MC, et al. Novel resistance training-specific rating of perceived exertion scale measuring repetitions in reserve. J Strength Cond Res. 2016;30(1):267-275. DOI: 10.1519/JSC.0000000000001049.
- Helms ER, et al. Methods for regulating and monitoring resistance training. J Hum Kinet. 2020;74:23-42. DOI: 10.2478/hukin-2020-0011.
- Pelland JC, et al. Methods for controlling and reporting resistance training proximity to failure: current issues and future directions. Sports Med. 2022;52(7):1461-1472. DOI: 10.1007/s40279-022-01667-2.
Adhärenz und Umsetzbarkeit
- Essery R, et al. Predictors of adherence to home-based physical therapies: a systematic review. Disabil Rehabil. 2017;39(6):519-534. DOI: 10.3109/09638288.2016.1153160.
