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Diagnose

Rotatorenmanschettenruptur

Gezielt stärken, sicher erholen

Verfasst und geprüft von Dimitrios RallisAktualisiert: 10 wissenschaftliche QuellenMehr über den Therapeuten

Was ist das?

Teilweiser oder vollständiger Riss einer oder mehrerer Sehnen der Rotatorenmanschette. Die Rotatorenmanschette besteht aus vier Muskeln, deren Sehnen nahe ihrer Ansatzstelle zu einem verwobenen Geflecht verschmelzen. Die meisten Risse entstehen durch altersbedingte Sehnenveränderungen, seltener durch akutes Trauma. Nicht jeder Riss verursacht Beschwerden — die Mehrheit der degenerativen Risse ist asymptomatisch.

Symptome

Schmerz seitlich oder vorne an der Schulter, besonders bei Überkopfbewegungen und nachts. Schwäche beim Armheben oder Drehen nach außen. Bei degenerativen Rissen oft schleichender Beginn ohne klares Verletzungsereignis. Bei traumatischen Rissen plötzlicher, starker Schmerz nach Sturz oder Unfall mit sofortigem Kraftverlust.

Prognose

Abhängig von Risstyp, Sehnenqualität und Therapieform. Konservative Therapie bei degenerativen Rupturen langfristig oft gleichwertig mit Operation. 70 bis 80 Prozent erreichen zufriedenstellende Ergebnisse mit Physiotherapie. Selbst bei großen Rissen sind klinisch bedeutsame Verbesserungen durch Übungstherapie möglich. Psychosoziale Faktoren wie Bewegungsangst und Depression beeinflussen die Prognose stärker als die Rissgröße.

Sofortmaßnahmen

Bei akutem Trauma mit starkem Schmerz und Kraftverlust zeitnah ärztlich abklären — akute traumatische Rupturen profitieren von frühzeitiger Versorgung. Arm schonen, aber nicht vollständig ruhigstellen. Kühlen bei akuter Schwellung. Bei degenerativen Beschwerden: Belastung anpassen, frühzeitig mit angeleiteter Bewegung beginnen. Nächtliche Lagerung mit Kissen unter dem Arm kann Schmerzen lindern.

Was ist eine Rotatorenmanschettenruptur?

Die Rotatorenmanschette besteht aus vier Muskeln und ihren Sehnen (Supraspinatus, Infraspinatus, Subscapularis und Teres minor), die das Schultergelenk umhüllen, stabilisieren und bewegen. Nahe ihrer Ansatzstelle am Oberarmkopf verschmelzen die Sehnen zu einem verwobenen Geflecht — sie sind keine isolierten Einzelstrukturen, sondern bilden ein zusammenhängendes System. Bei einer Ruptur reißt ein Teil dieses Geflechts — teilweise oder vollständig. Am häufigsten ist der Bereich des Supraspinatus betroffen.

Die meisten Risse entstehen nicht durch eine einzelne Verletzung, sondern durch jahrelangen Verschleiß. Die Sehne wird im Laufe des Lebens schlechter durchblutet, verliert an Elastizität und wird anfälliger für Risse. Deshalb steigt die Häufigkeit mit dem Alter: Bei über 40-Jährigen liegt die Prävalenz bei 6 bis 22 Prozent, bei über 80-Jährigen bei über 50 Prozent. Der Großteil dieser altersbedingten Veränderungen verursacht keine Beschwerden — die Mehrheit der Risse ist asymptomatisch.

Traumatische Rupturen entstehen durch Stürze (auf den ausgestreckten Arm oder die Schulter), Luxationen oder abrupte Zugbelastung. Sie betreffen typischerweise jüngere Patienten und sind oft größer als degenerative Risse. Ob ein Sehnenriss Beschwerden verursacht, hängt nicht allein von der Rissgröße ab — die Fähigkeit der umliegenden Muskulatur zur Kompensation, die individuelle Schmerzverarbeitung und die Belastungsanforderungen im Alltag spielen eine ebenso wichtige Rolle.

Typische Symptome

Die Symptome variieren je nach Rissart, Größe und individueller Kompensationsfähigkeit.

Bei degenerativen Rissen:

• Schleichend zunehmender Schmerz seitlich oder vorne an der Schulter • Schmerz bei Überkopfbewegungen und beim seitlichen Armheben • Nächtlicher Schmerz, besonders beim Liegen auf der betroffenen Seite — Schlafstörungen betreffen über 70 Prozent der Betroffenen • Schwäche beim Armheben oder Drehen nach außen • Schmerzhafter Bogen: Schmerz zwischen 60 und 120 Grad beim seitlichen Armheben

Bei traumatischen Rissen:

• Plötzlicher, starker Schmerz nach Sturz, Ruck oder Luxation • Sofortige Schwäche oder Unfähigkeit, den Arm zu heben • Schnell zunehmende Schwellung

Nicht jeder Riss verursacht Symptome. Viele degenerative Risse werden zufällig bei Bildgebung entdeckt und sind klinisch bedeutungslos. Bei über 60-Jährigen sind zwei Drittel aller Rotatorenmanschettenrisse asymptomatisch. Entscheidend ist die Frage, ob der Riss die aktuelle Beschwerde erklärt — oder ob er ein Nebenbefund ist.

Sofort ärztlich abklären bei

  • Akuter Kraftverlust nach Trauma (Verdacht auf akute traumatische Ruptur)
  • Zunehmende Schwäche und Funktionsverlust trotz Therapie
  • Plötzliche starke Schmerzen mit Unfähigkeit den Arm zu heben
  • Taubheit oder Lähmungserscheinungen im Arm

Ursachen und Risikofaktoren

Der stärkste Risikofaktor ist das Alter. Die Sehne durchläuft einen natürlichen Alterungsprozess mit verminderter Durchblutung, reduzierter Elastizität und zunehmender struktureller Veränderung. Dieser Prozess beginnt etwa ab dem vierten Lebensjahrzehnt und betrifft besonders die Bereiche mit natürlich verminderter Blutversorgung.

Weitere Risikofaktoren für degenerative Rupturen: Dominante Schulter (häufiger betroffen), höheres Körpergewicht, wiederholte Überkopfbelastung (beruflich oder sportlich), Rauchen (vermindert die Durchblutung und Kollagensynthese), Diabetes mellitus (stört die Wundheilung der Sehne) und Schilddrüsenerkrankungen.

Traumatische Rupturen entstehen durch Stürze auf den ausgestreckten Arm oder die Schulter, Schulterluxationen oder plötzliche Zugbelastungen. Sie betreffen typischerweise jüngere Patienten und sind oft größer als degenerative Risse, mit häufigerer Beteiligung mehrerer Sehnen.

Eine vorbestehende degenerative Schädigung macht die Sehne anfälliger — auch ein vermeintlich traumatischer Riss hat oft eine degenerative Vorgeschichte. Die Unterscheidung zwischen rein traumatisch und rein degenerativ ist in der Praxis nicht immer trennscharf.

Diagnostik

Die Diagnostik beginnt mit einem ausführlichen Gespräch über Beschwerdeverlauf, Auslöser und Funktionseinschränkungen. Die körperliche Untersuchung prüft Beweglichkeit, Kraft und Schmerzprovokation.

Zu den klinischen Tests: Die Sehnen der Rotatorenmanschette verschmelzen nahe ihrer Ansatzstelle zu einem verwobenen Geflecht — einzelne Tests können deshalb keine spezifische Sehne isoliert beurteilen. Kein einzelner Test ist allein ausreichend; die Kombination mehrerer Befunde ergibt das Gesamtbild. Krafttests (Jobe/Empty-Can-Test, Außenrotationskraft, Lift-Off- oder Belly-Press-Test für den Subscapularis) zeigen hohe Sensitivität, aber moderate Spezifität. Hochspezifische Tests wie der Drop-Arm-Test oder der External-Rotation-Lag-Test sind bei positivem Ergebnis ein starker Hinweis auf einen größeren Riss — sie werden aber erst bei fortgeschrittener Schwäche positiv und schließen bei negativem Ergebnis nichts aus.

Bildgebung ergänzt die klinische Untersuchung:

• Ultraschall hat eine Treffsicherheit von über 90 Prozent für vollständige Risse, bei Teilrissen ist die Sensitivität jedoch geringer (circa 67 Prozent). Kostengünstig und dynamisch durchführbar • MRT ist der Goldstandard für die Operationsplanung: Es zeigt Rissausmaß, Sehnenrückzug und den Zustand der Muskulatur (Fettinfiltration und Atrophie) • Röntgenaufnahmen zeigen indirekte Zeichen wie den Hochstand des Oberarmkopfes bei großen Rissen

Wichtig bei der Interpretation: Sehnenveränderungen in der Bildgebung korrelieren nicht automatisch mit Symptomen. Die Mehrheit der degenerativen Veränderungen ist klinisch stumm. Die Therapieentscheidung basiert auf dem klinischen Bild — nicht allein auf dem Bildgebungsbefund.

Differenzialdiagnosen: Frozen Shoulder (passive Beweglichkeit deutlich eingeschränkt), Schulterarthrose (Krepitation, Röntgenzeichen), subakromiales Schmerzsyndrom (RCRSP — ohne strukturellen Riss), Kalkschulter (akuter Beginn, typisches Röntgenbild).

Behandlung – Kräftigung trotz Riss

Ziele: Schmerz reduzieren, Kraft und Funktion wiederherstellen, Alltags- und gegebenenfalls Sportfähigkeit zurückgewinnen. Aktuelle Leitlinien empfehlen bei degenerativen Rupturen Physiotherapie als Erstlinienbehandlung — eine Operation erst nach gescheiterter konservativer Therapie.

Konservativ

1Schmerzlinderung1–4 Wochen

Isometrisch — aktivieren ohne Bewegung

Passive ROM schmerzfreiSchmerzkontrolle
2Kraftaufbau6–12 Wochen

Konzentrisch + exzentrisch — progressiv steigern

Kraft ≥70 % SeitenvergleichSchmerzfreie Rotation
3Funktionelle Belastung4–8 Wochen

Funktionell — Kraft über Kopf und in Rotation

Volle aktive ROMSchmerzfrei überkopf
4Sportspezifisch4–12 Wochen

Sportspezifisch — volle Überkopf-Belastung

Kraft ≥90 %Schmerzfreie Spitzenbelastung

Die Zeitangaben dienen als Orientierung — die Progression richtet sich nach Ihrem individuellen Verlauf.

Nach Rekonstruktion

1Schutzphase0–6 Wochen

Schulterabduktionskissen, passive Bewegung. Sehnennaht schützen, keine aktive Abduktion.

Passive Flexion 90°Schmerzkontrolle
2Aktiv-assistiert6–12 Wochen

Übergang zu aktiv-assistierter Bewegung. Schrittweise Mobilisation in alle Richtungen.

Aktive Flexion 120°Außenrotation 30°
3Kraftaufbau12–24 Wochen

Progressive Kräftigung der Rotatorenmanschette und Schulterblatt-Stabilisatoren.

Volle ROMKraft 70 % Seitenvergleich
4Vollbelastungab 24 Wochen

Rückkehr in Sport und belastende Berufe. Kriterienbasiert.

Kraft >90 %Schmerzfreie Überkopf-Belastung

Die Zeitangaben dienen als Orientierung — die Progression richtet sich nach Ihrem individuellen Verlauf.

Konservative Therapie (Erstlinienbehandlung bei degenerativen Rissen)

Mindestens zwölf Wochen strukturiertes, individualisiertes und progressives Programm.

Phase 1 (0 bis 6 Wochen): Schmerzmanagement, Edukation, sanfte Pendel- und Beweglichkeitsübungen, erste isometrische Aktivierung Phase 2 (6 bis 12 Wochen): Aktive Bewegungsübungen, isometrische und beginnende dynamische Kräftigung, Schulterblatt-Stabilisation.

Phase 3 (ab 12 Wochen): Progressive Kräftigung mit steigendem Widerstand, exzentrisches Training, funktionelle Rehabilitation und schrittweise Rückkehr zu Alltagsbelastungen.

Die Schulter kann durch gezielte Kräftigung der umliegenden Muskulatur auch mit einem bestehenden Riss wieder gut funktionieren — die verwobene Struktur der Rotatorenmanschette ermöglicht es den intakten Anteilen, die Funktion der gerissenen Sehne teilweise zu übernehmen. Betreute und Heim-Übungsprogramme sind gleichermaßen wirksam — entscheidend ist die Regelmäßigkeit.

Edukation ist ein zentraler Therapiebaustein: Verständliche Aufklärung über die gute Prognose, die Normalität altersbedingter Sehnenveränderungen und die Bedeutung aktiver Mitarbeit. Mechanistische Erklärungen wie "Ihre Sehne ist gerissen, das muss genäht werden" können Bewegungsangst verstärken und sollten vermieden werden.

Operative Therapie

Indiziert bei: akuter traumatischer Ruptur (besonders bei jüngeren Patienten — frühzeitige Versorgung senkt die Rerupturrate), Versagen konservativer Therapie über drei bis sechs Monate, großen Rissen mit relevanter Funktionseinschränkung und geringer Fettinfiltration. Die arthroskopische Rekonstruktion ist das Standardverfahren. Die Rerupturrate liegt je nach Rissgröße bei 10 bis 40 Prozent — auch nach einer OP ist konsequente Rehabilitation unverzichtbar.

Ärztliche Aspekte

Schmerzmedikamente (NSAR) können kurzfristig eingesetzt werden. Subakromiale Kortisoninjektionen bieten kurzfristigen Nutzen, können aber bei Wiederholung die Sehnenqualität verschlechtern.

Was die Evidenz nicht unterstützt

Reflexartige OP bei degenerativen Rissen: Aktuelle Leitlinien empfehlen bei degenerativen Rupturen konservative Therapie als Erstlinienbehandlung. Die Operation zeigt bei kleinen bis mittelgroßen degenerativen Rissen langfristig keine besseren Ergebnisse als strukturierte Physiotherapie. Eine OP ist primär bei akuten traumatischen Rupturen, jungen aktiven Patienten und Versagen der konservativen Therapie indiziert.

Wiederholte Kortisoninjektionen: Subakromiale Kortisoninjektionen können kurzfristig Schmerzen lindern, aber bei Wiederholung die Sehnenqualität verschlechtern. Sie sollten sparsam und nicht als Dauertherapie eingesetzt werden.

Ruhigstellung ohne Anleitung: Vollständige Schonung schwächt die umliegende Muskulatur und verschlechtert die Kompensationsfähigkeit der Schulter.

Bewegung statt Schonung

Auch mit einem bestehenden Riss ist kontrollierte, angeleitete Bewegung besser als Ruhigstellung. Die verwobene Struktur der Rotatorenmanschette erlaubt es intakten Anteilen, die Funktion der gerissenen Sehne zu übernehmen — aber nur, wenn sie trainiert werden.

Aggressive Mobilisation in der Frühphase: Das Gegenteil von Ruhigstellung ist ebenso problematisch — forciertes Dehnen oder schweres Heben in den ersten Wochen kann die gerissene oder operativ refixierte Sehne überlasten und die Heilung gefährden. Die Dosierung muss individuell angepasst werden.

Natürlicher Verlauf und Prognose

Der natürliche Verlauf hängt wesentlich vom Risstyp und den individuellen Gegebenheiten ab.

Degenerative Rupturen können über Monate bis Jahre langsam größer werden. Vollständige Risse zeigen eine Progressionsrate von etwa 55 Prozent über drei Jahre, Teilrisse von etwa 27 Prozent. Nicht jede Größenzunahme führt zu einer Verschlechterung der Symptome — viele Patienten bleiben trotz Progression beschwerdefrei. 33 bis 63 Prozent der anfangs symptomfreien Patienten mit Riss entwickeln im Verlauf Beschwerden.

Die Prognose unter konservativer Therapie ist insgesamt günstig. Mehrere Vergleichsstudien zeigen, dass konservative Behandlung und Operation bei kleinen bis mittelgroßen degenerativen Rupturen langfristig vergleichbare Ergebnisse erzielen. 70 bis 80 Prozent der Patienten erreichen zufriedenstellende Ergebnisse unter Physiotherapie. Selbst bei großen, als irreparabel geltenden Rupturen zeigt Übungstherapie klinisch und statistisch bedeutsame Verbesserungen.

Warum dauert Sehnenheilung so lange?

Nach einer Verletzung oder Operation wird zunächst dünneres Ersatzgewebe (Kollagen Typ III) gebildet, das erst über Monate durch belastungsfähiges Kollagen Typ I ersetzt wird. Die vollständige Remodellierung dauert biologisch bis zu einem Jahr. Das erklärt, warum die Rehabilitation nicht mit dem Ende der Symptome aufhört — die Sehne gewinnt noch Monate nach der Schmerzfreiheit an Belastbarkeit.

Prognostisch ungünstige Faktoren: Hoher Schmerzlevel und Funktionseinschränkung zu Beginn, fortgeschrittene Fettinfiltration der Muskulatur, großer Sehnenrückzug, frühere Schulterepisoden. Psychosoziale Faktoren wie Depression, Bewegungsangst und Katastrophisierung beeinflussen das Behandlungsergebnis stärker als die Rissgröße allein.

Die Schulter kann mehr als Sie ihr zutrauen

Die Schulter ist das Gelenk des Alltags — Greifen, Heben, Anziehen, Haare waschen, ein Kind hochnehmen. Wenn eine Rotatorenmanschettenruptur diese Selbstverständlichkeit in Frage stellt, entsteht oft ein Gefühl von Hilflosigkeit, das über den körperlichen Befund hinausgeht. Viele Betroffene beschreiben nicht nur Schmerz, sondern ein tiefes Unbehagen: Die Angst, den Arm nicht mehr wie gewohnt einsetzen zu können, die Sorge, auf Hilfe angewiesen zu sein, das Gefühl, dass die Schulter jederzeit wieder nachgeben könnte.

Diese Reaktion hat einen psychologischen Kern: Kinesiophobie — die Furcht vor Bewegung und Wiederverletzung. Sie betrifft einen erheblichen Teil der Patienten mit Rotatorenmanschettenruptur und ist ein eigenständiger Risikofaktor für anhaltende Beschwerden. Aktuelle Forschung zeigt, dass psychologische Faktoren wie Bewegungsangst, katastrophisierende Gedanken und Depression die Behandlungsergebnisse stärker beeinflussen können als die Größe des Sehnenrisses selbst.

Das Fear-Avoidance-Modell beschreibt den Mechanismus: Schmerz löst Angst aus, Angst führt zu Vermeidung, Vermeidung führt zu Dekonditionierung, und Dekonditionierung verstärkt den Schmerz. Bei der Schulter zeigt sich das besonders deutlich: Wer Überkopfbewegungen vermeidet, verliert genau die Kraft, die für die Kompensation des Sehnenrisses entscheidend wäre. Die verwobene Struktur der Rotatorenmanschette ermöglicht es den intakten Anteilen, die Funktion der gerissenen Sehne teilweise zu übernehmen — aber nur, wenn sie trainiert werden.

Etwa 90 Prozent der Betroffenen berichten über Schlafstörungen durch nächtlichen Schulterschmerz — die chronische Erschöpfung verstärkt Angst und Frustration zusätzlich. Gezielte Aufklärung, schrittweise Konfrontation mit belastenden Bewegungen und die Stärkung der Selbstwirksamkeit — also das Vertrauen, selbst etwas bewirken zu können — sind deshalb zentrale Therapiebausteine. Die Schulter kann auch mit einem Sehnenriss wieder gut funktionieren, wenn die umliegende Muskulatur gezielt gekräftigt wird.

Mögliche Komplikationen

Die meisten Patienten mit Rotatorenmanschettenruptur erholen sich mit konsequenter Therapie gut. Folgende Szenarien können auftreten:

  • Rissprogression: Degenerative Risse können langsam größer werden, was die Behandlungsoptionen einschränkt. Fortschreitende Fettinfiltration und Muskelatrophie verschlechtern die Aussichten einer späteren Rekonstruktion. Regelmäßige klinische Kontrolle bei konservativer Behandlung ist deshalb wichtig.
  • Persistierende Schmerzen: Ein Teil der Patienten berichtet trotz Therapie über anhaltende Beschwerden. Nicht immer liegt ein mechanisches Problem vor — psychologische Faktoren wie Bewegungsangst und Katastrophisierung, Schlafstörungen und ungenügend adressierte Erwartungen können eine wesentliche Rolle spielen.
  • Reruptur nach Operation: Die Rerupturrate nach arthroskopischer Rekonstruktion liegt bei 10 bis 40 Prozent, abhängig von Rissgröße und Sehnenqualität. Auch nach einer Reruptur können Patienten symptomarm sein — die klinische Funktion ist nicht allein vom strukturellen Ergebnis abhängig.
  • Steifigkeit nach Operation oder Ruhigstellung: Längere Schonung kann zu einer sekundären Schultersteife führen. Frühzeitige und angeleitete Mobilisation beugt vor.
  • Defektarthropathie: Bei sehr großen, langbestehenden Rissen kann der Oberarmkopf nach oben wandern und eine spezielle Form der Schulterarthrose entstehen. Dies betrifft vor allem ältere Patienten mit massiven Rupturen.

Häufige Fragen

Nicht zwingend. Bei degenerativen Rissen — dem häufigsten Typ — empfehlen aktuelle Leitlinien zunächst konservative Therapie über mindestens zwölf Wochen. Physiotherapie und Operation erzielen bei kleinen bis mittelgroßen degenerativen Rissen langfristig vergleichbare Ergebnisse. Eine Operation ist primär sinnvoll bei akuten traumatischen Rupturen (besonders bei jüngeren Patienten), bei großen Rissen mit relevanter Funktionseinschränkung und wenn die konservative Therapie nicht ausreicht.

Sehnengewebe heilt nicht wie ein Knochen zusammen — ein vollständiger Riss bleibt strukturell bestehen. Das bedeutet aber nicht, dass die Schulter nicht besser werden kann. Die Sehnen der Rotatorenmanschette bilden ein verwobenes Geflecht, in dem die umliegenden Muskeln und Sehnen die Funktion des gerissenen Anteils teilweise übernehmen können. Durch gezielte Kräftigung kann die Schulter trotz Riss wieder gut funktionieren und schmerzfrei werden.

In der Frühphase sanfte Pendel- und Beweglichkeitsübungen. Dann schrittweiser Aufbau: isometrische Kräftigung (Anspannen ohne Bewegung), Schulterblatt-Stabilisation, aktive Bewegungsübungen. In der fortgeschrittenen Phase progressive Kräftigung mit Widerstand und funktionelle Übungen. Die Dosierung richtet sich nach Schmerz und individuellem Verlauf — moderate Schmerzen während der Übung sind akzeptabel.

Eine Größenzunahme ist möglich: Bei vollständigen Rissen zeigt sich eine Progressionsrate von etwa 55 Prozent über drei Jahre. Bei Teilrissen liegt sie bei etwa 27 Prozent. Allerdings bedeutet eine Größenzunahme nicht automatisch eine Verschlechterung der Symptome — viele Patienten bleiben trotz größerem Riss beschwerdefrei oder verbessern sich unter Therapie. Regelmäßige Kontrolle und konsequente Kräftigung sind wichtig.

Bei konservativer Behandlung beträgt die strukturierte Rehabilitationszeit mindestens zwölf Wochen, oft länger. Nach einer Operation ist die Rehabilitation länger: Typischerweise sechs Wochen eingeschränkte Belastung, dann schrittweiser Aufbau über drei bis sechs Monate. Die vollständige Erholung kann bis zu zwölf Monate dauern. Die Rerupturrate nach operativer Rekonstruktion liegt je nach Rissgröße bei 10 bis 40 Prozent — auch nach einer OP ist konsequente Rehabilitation entscheidend.

Fettinfiltration beschreibt die Einlagerung von Fettgewebe in den Muskel der Rotatorenmanschette. Sie tritt bei länger bestehenden Rissen auf und ist ein Zeichen für den Zustand des Muskelgewebes. Fortgeschrittene Fettinfiltration kann die Erfolgsaussichten einer operativen Rekonstruktion verschlechtern — die Sehne lässt sich zwar refixieren, aber der verfettete Muskel kann sich oft nicht mehr vollständig erholen. Sie ist ein wichtiger Faktor bei der Therapieentscheidung.

In vielen Fällen ja — mit Anpassungen. Überkopfsportarten und schweres Heben sollten anfangs reduziert werden. Mit zunehmender Kräftigung können die meisten Patienten wieder sportlich aktiv werden. Die Art und Intensität der Sportrückkehr hängt von der Rissgröße, den Symptomen und dem Therapieverlauf ab. Wichtig ist ein schrittweiser Belastungsaufbau statt abrupter Rückkehr zum Volltraining.

Rotatorenmanschettenrisse sind mit dem Alter extrem häufig und oft symptomlos. Bei über 60-Jährigen hat etwa jeder Fünfte einen Riss, bei über 80-Jährigen jeder Zweite — die Mehrheit ohne jede Beschwerde. Ein Riss im MRT bedeutet nicht automatisch, dass er die Ursache Ihrer Beschwerden ist oder dass eine Operation nötig ist. Entscheidend ist das klinische Bild: Welche Symptome haben Sie, wie stark sind sie, und wie beeinträchtigen sie Ihren Alltag?

Quellen & Literatur

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Zuletzt aktualisiert: 2026-04-04

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